Wiesloch und Walldorf
lesen ein Buch. 2004



Ein Projekt vom 6. bis 28. März 2004



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Wie es begann ...

Die Geschichte von "2 lesen 1" - Wiesloch und Walldorf lesen ein Buch - begann im Frühjahr 2003. Ein Wieslocher Bürger, Wolfgang Widder, hatte die Idee im Herbst 2002 in der Süddeutschen Zeitung entdeckt und trug sie der Stadt Wiesloch und dann, auf die Idee von Oberbürgermeister Franz Schaidhammer hin, auch der Stadt Walldorf vor. Alle waren begeistert. So kam der Stein ins Rollen …

Mit einem Buch die Bürgerinnen und Bürger zum Lesen zu animieren, sie darüber hinaus aber miteinander ins Gespräch zu bringen, Bekanntschaft, Freundschaft, Gemeinschaftsgefühl zu fördern, das kulturelle und soziale Klima der Gemeinde zu fördern - diese (aus Amerika stammende) Idee fand schnell viele Freunde. Wenn zwei Gemeinden sich dabei zusammentun, wie es hier geschah, kommt eine weitere Dimension dazu: die Verbindung von Nachbarn zu fördern, die sich in früheren Jahren mehr in Abgrenzung geübt hatten …

Die Auswahl des Buches

Im Mai 2003 wurden ein "Plenum" sowie eine "Koordinationsgruppe" gebildet, die Idee in den städtischen Gremien vorgestellt und die Öffentlichkeit aufgerufen, geeignete Bücher für das Projekt vorzuschlagen. Im Juni wählte eine Jury von Bibliothekaren, Buchhändlern, Mitgliedern der Stadtverwaltungen und Bürgern aus 45 Vorschlägen zwei Bücher aus, die später, im Herbst, zu Beginn des neuen Schuljahres von 9 Klassen weiterführender Schulen auf ihre Eignung hin beurteilt wurden.

Die beiden Bücher waren "Das Muschelessen" von Birgit Vanderbeke und "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny. Die Schülerinnen und Schüler entschieden sich mit klarer Mehrheit für das Buch von Nadolny. Mitte Oktober 2003 konnte nun der Planungsprozess für die eigentliche Aktionszeit, den März des folgenden Jahres, beginnen. Schnelligkeit war gefragt …

Planung und Organisation

Schon im Sommer war dieser Planungsprozess vorbereitet worden. Die neunköpfige Koordinationsgruppe hatte dem Plenum - es bestand aus rund 70 Personen, neben den Koordinationsgruppenmitgliedern zum Beispiel den Buchhändlern, späteren Vorleserinnen und Vorlesern, vor allem aber vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern, von denen in der Regel 25 bis 30 anwesend waren - vorgeschlagen, das Projekt dezentral anzulegen: es wurden elf so genannte "Miniregionen" gebildet, die letztlich für einzelne Bezirke oder Ortsteile die verantwortliche Veranstaltungsplanung übernehmen sollten: "Frauenweiler" und "Baiertal", "Schatthausen" und "Bahnhofsregion", Wiesloch-Nord" und "Wiesloch-Süd", "Walldorf-Zentrum", "Industriegebiet", "Wiesloch-Zentrum", "Altwiesloch" und "Wiesloch-West".

Sponsoren und Unterstützer

Im Sommer begann auch schon die Suche nach Sponsoren.
Die Koordinationsgruppe - zu ihr gehörten neben Wolfgang Widder Sigrid Tuengerthal, Walldorfer Bürgerin, Karl Walter, Wieslocher Bürger, Otto Steinmann, Beigeordneter der Stadt Walldorf, Renate Odenkirchen-Büchner, Leiterin der Stadtbücherei Walldorf, Lis Böttcher, Öffentlichkeitsarbeiterin der Stadt Walldorf, Manfred Kurz, Fachbereichsleiter Kultur und Sport der Stadt Wiesloch, Sabine Pommrenke vom selben Fachbereich und Gerhard König-Kurowski, Leiter der Stadtbibliothek Wiesloch - hatte neben der Vor- und Nachbereitung der Plena schon in diesem Zeitraum weitere vielfältige Aufgaben. So musste eine Lösung für eine kostengünstige Bereitstellung von rund 450 Büchern für die an der Auswahl beteiligten Schulklassen gefunden werden. Im Herbst gelang es, die Unterstützung der "Rhein-Neckar-Zeitung" für das Projekt zu gewinnen, was sich für den Erfolg von "2lesen1" als wesentlicher Faktor erweisen sollte. Das Designerbüro Kontext Designlösungen in Balzfeld hatte schon vorher das Logo und den griffigen Titel "2 lesen 1" entwickelt. Dass es gelang, die Heidelberger Druckmaschinen AG und hier besonders deren Auszubildende als Unterstützer für Gestaltung und Druck von Programmen und Plakaten zu gewinnen, stellte ebenfalls eine entscheidende Etappe dar. Die große Zahl weiterer Sponsoren und Unterstützer spielte ebenfalls eine zentrale Rolle für den Erfolg des Projekts.

Vielfältige Prozesse über Generationen hinweg

Bei der eigentlichen Programmplanung im November und Dezember 2003, in etlichen Einzelheiten auch noch in den ersten beiden Monaten des Jahres 2004, waren nun die verschiedensten Arbeitsformen vertreten: einzelne Gruppen oder Miniregionen planten sehr eigenständig ihre ganz unterschiedlichen Veranstaltungen; die Koordinationsgruppe musste lediglich auf die Terminabstimmung achten. In anderen Gruppen und Miniregionen brauchte es Beratung, Ermutigung, zum Teil auch konkrete Unterstützung bei der Suche nach Räumen, Musikern, Vorlesern und Ähnlichem. In einigen wenigen Regionen kam es zu keiner eigentlichen Gruppenarbeit; Einzellösungen durch Einzelpersonen, zum Teil auch aus den Reihen der Koordinationsgruppe erwiesen sich aber am Ende auch als durchaus erfolgreich.

Um auch Gruppen in das Projekt zu integrieren, die für öffentliche Lesungen kaum zu gewinnen waren, wurden Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten, Kunsttherapeuten an der hiesigen Psychiatrischen Klinik, Erzieherinnen, Ausbilder, Seniorengemeinschaft der VHS, Kinder- und Jugendkunstschule, Künstler, Jugendgruppenleiter, die Sozialarbeiterin an der Jugendarrestanstalt und andere mehr angesprochen und mit Material versorgt. Die zum Teil sehr überraschenden Ergebnisse und Berichte aus diesen Kreisen gehören zu den größten Erfolgen von "2 lesen1", gelang es doch, was viele zunächst bestritten, ein Buch, das sicher nicht einfach zugänglich ist, vielen Menschen, jungen wie alten, auf die verschiedensten Arten nahe zu bringen und sie zu einer Beschäftigung damit zu bewegen.

Programmpunkte und Presse

Wichtige Mosaiksteine von "2lesen1" stellen auch die Ausstellungen dar. Dabei wurde zum Einen Grundlegendes thematisiert: Drei Ausstellungen befassten sich mit dem Stichwort "Alphabetisierung". Zum Anderen wurde die historische Dimension der "Entdeckung der Langsamkeit" ebenso in einer Ausstellung aufgezeigt wie künstlerische Verarbeitungen des Buches durch verschiedene Akteure.

Der große Erfolg der Veranstaltungen vom 6. bis zum 28. März 2004 - für alle galt übrigens: Eintritt frei! - wurde auch möglich durch regelmäßige, tägliche Informationen in der Rhein-Neckar-Zeitung schon vier Wochen vor Beginn und eine vierseitige Extrabeilage, in der das komplette Programm abgedruckt war. Die ganz ausführliche Berichterstattung der gesamten Lokalpresse über den gesamten Projektzeitraum tat ihr Übriges.

Erfolg durch besondere Projekte und große Vielfalt

Ein zusätzlicher Aufmerksamkeitseffekt bestand in einem besonders umfangreichen und spektakulären Projekt: Der "Lesestraße". Auf Initiative der Jugendgemeinderäte wurden am 12.März auf einer Strecke von rund sechs Kilometern mit Buchzitaten bemalte Bettlaken zwischen den beiden Nachbarstädten aufgehängt. Die Tücher wurden von rund 2.700 Schülerinnen und Schülern aus 127 Klassen der Walldorfer und Wieslocher Schulen hergestellt und von ihnen auch installiert. Die im Vorfeld nicht unumstrittene Aktion, an deren Gelingen letztlich auch das Kinder- und Jugendbüro der Stadt Wiesloch einen wesentlichen Anteil hatte, wurde von Presse, Fernsehen und Rundfunk ausführlich gewürdigt. Sie hatte sicher hohe symbolische Wirkung; darüber hinaus stieß sie die Kooperation der Jugendgemeinderäte der beiden Städte wirkungsvoll an.

Der ungewöhnliche Erfolg von "2lesen1" wurde auch durch die Dichte, Unterschiedlichkeit und Vielzahl der Veranstaltungen bewirkt. War zunächst vielfach vermutet worden, dass für ein derartiges Programm in zwei Kleinstädten überhaupt nicht genug Publikum zu finden sei, dass sich zudem die verschiedenen Veranstaltungen gegenseitig Konkurrenz machten, stellte sich letztlich heraus, dass es gerade umgekehrt war: Die einzelnen Ereignisse machten "Appetit auf mehr", warben gegenseitig füreinander, erzeugten bei manchen eine über das ganze Projekt anhaltende Begeisterung, manche sprachen von "Sucht" und "Sog", der Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung sah eine "Volksbewegung".

Die große Resonanz der ersten Veranstaltungen tat ihr Übriges: Als zu den ersten Passagen-Lesungen , die an Vor- und Nachmittagen stattfanden, gleich zwischen dreißig und vierzig Personen erschienen - die Erfinder der Reihe hatten mit durchschnittlich etwa vier bis zehn Personen gerechnet - war das Muster bekannt und wurde eine zusätzliche, unerwartete Attraktion. Negativer Nebeneffekt: Veranstaltungen dieser Reihe, die dann tatsächlich nur fünf oder acht Besucher hatten, wurden fast als Enttäuschungen betrachtet!

Fünf zentrale Großveranstaltungen prägten darüber hinaus das Gesicht von "2 lesen 1": Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung, die kurzfristig installierte Lesung mit Sten Nadolny etwa in der Mitte des Projektzeitraums sowie die beiden (leider vom Wetter nicht begünstigten) "Samstage der Langsamkeit" in den Innenstädten, die auch die Aufmerksamkeit von einigen Bürgerinnen und Bürgern gewannen, die bis dahin noch nichts von "2 lesen 1" gehört hatten.
Für die beiden Städte war das Projekt ohne Zweifel die bisher eindrucksvollste gemeinsame Aktivität. Die Nachbarstädte wurden von manchen überhaupt erst "entdeckt", vielfältige Begegnungen gehören zu den wertvollen "Ergebnissen" des Projekts. Verwaltungen machten ebenso wichtige Kooperationserfahrungen wie Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener beteiligter Institutionen. In der Folge wird es darum gehen, hierauf aufzubauen!